Bist du wirklich im Hier und Jetzt?

Bestimmt hast du das schön öfters gehört: Meditation hilft dir im Hier und Jetzt zu sein. Nicht an die Zukunft zu denken, nicht an der Vergangenheit zu hängen. Nicht an einem anderen Ort sein. Sondern Hier. Jetzt.

 

Ich dachte, ich hätte das längst verinnerlicht. Dachte, ich hätte es integriert.

 

Wenn es schwierig wurde, fragte ich mich jeweils:

  • Wo bin ich?
  • Was um gibt mich
  • Wie sieht es aus?
  • Wie fühlt es sich aktuell an (Boden/Umfeld etc.)

 

Das hat mich jeweils aus der stressigen Situation ins Hier und ins Jetzt zurückgebracht. Und das ist auch supergut, wenn wir uns beruhigen wollen. Wenn wir sehr gestresst sind und unser Nervensystem wieder zur Ruhe bringen wollen. Wenn wir kurz vor einer Panikattacke stehen.

 

Im Hier und Jetzt sein - aber verkörpert

Aber: Das ist nur die halbe Wahrheit. Das ist erst die erste Hälfte bis zum «Ziel» meditativer Zustand. Oder gar «Erleuchtung» (du darfst das sehen wie du magst).

 

Denn im Hier und Jetzt sein – so wie ich es gemacht habe – mit diesen Fragen richtet den Fokus nach AUSSEN. Und das ist in Stresssituationen auch absolut richtig. Aber eben nicht der meditative Zustand.

 

 

Der meditative Zustand ist:

Ich nehme mich als Ganzheit wahr: Meinen Körper. Meinen Geist (und somit meine Gedanken). Meine Emotionen. Mein Umfeld. Den aktuellen Moment – im Aussen und im Innen.

Das bedeutet nicht, dass ich Gedanken und Gefühle wegschiebe. Im Gegenteil.

 

Und das wird oft missinterpretiert:

 

 

Phase 1 der Meditation: Am Anfang üben wir

In einer ersten Phase, wenn wir mit der Meditation beginnen, fokussieren wir uns auf ein Objekt – so dass andere Gedanken oder Gefühle vielleicht gar nicht auftauchen können.

 

Phase 2 der Meditation: Wir festigen das Fundament

In einer zweiten, fortgeschritteneren Phase, erlauben wir den Gedanken und Gefühlen aufzutauchen – und sie vorbeiziehen zu lassen.

 

Phase 3 der Meditation: Wir transformieren voller Liebe und Mitgefühl

In einer deutlich fortgeschritteneren Phase schauen wir uns die Gedanken und Gefühle an.

  • Woher kommen sie?
  • Was ist das darunter liegende Muster?
  • Welcher Anteil von mir ist verletzt/fühlt sich nicht gesehen?
  • Welches Bedürfnis liegt darunter?
  • Wir widmen uns voller Präsenz diesem «Problem» das sich zeigt, voller Liebe und Mitgefühl uns und dem Gefühl gegenüber.

Wenn wir voller Vertrauen (in uns selbst – und dafür sind Phase 1 & 2 da, damit wir dieses Vertrauen aufbauen) in das Gefühl hineingehen, zeigt sich oft

 

  • Das wahre Bedürfnis darunter
  • Ein anderes Gefühl als Geschenk auf der Gegenseite

So können wir transformieren. Nicht mit positivem Denken. Sondern mit liebevoller, klarer Analyse. 

 


Wut wird zu Kraft / Angst wird zu Akzeptanz

 

 

 

Als Beispiel: Wenn wir die Wut emotional zulassen (und die anderen unbehelligt lassen), zeigt sich, welches Bedürfnis mit Füssen getreten wurde oder welche Grenze verletzt wurde. Wenn wir durch das Gefühl Wut durchgehen (und dies in der achtsamen Haltung tun), dann erwartet uns auf der anderen Seite: die Kraft. Die Stärke und der Mut, Dinge zu verändern. Die Kraft, Dinge anzugehen und Grenzen zu setzen.

 

Die Wut war mein jahrzehntelanger Begleiter. Ich kann in der Zwischenzeit sehr gut mit dieser Ressource umgehen und gezielt einsetzen. Es braucht nicht immer 0 oder 100. Manchmal braucht es 20% dieser Ressource, manchmal 80%. Du entscheidest über den Einsatz der Ressource.

 

Dasselbe gilt für Angst. Ich hatte eigentlich gemeint, ich hätte praktisch nie Angst. Und das stimmt bis zu einem gewissen Grad auch. Aber genauer gesagt, habe ich einfach so viel vorweggenommen, vor-geplant, vorausgedacht, dass kaum eine Situation mich gross überraschen konnte. Darum hatte ich selten Momente der Angst. Und: Die Meditation, das Kung Fu und der Yoga haben mich emotional so gestärkt, dass ich gut mit aufkeimender Angst umgehen konnte.

 

Jetzt meinst du das ist gut? Nein. Ist es nicht. Denn mir ist dabei eine wertvolle Ressource entgangen. Ich habe mir also die letzten Wochen erlaubt, das Gefühl der Angst zu spüren – und durch sie  hindurch durchzugehen. Auch hier zeigte sich das wahre Bedürfnis darunter. Und am anderen Ende wartete: die pure Akzeptanz.

 

Akzeptieren was ist. Akzeptieren, was sich zeigt. Nicht mehr vorausplanen. Nicht mehr vorwegnehmen. Nicht mehr pushen. Sondern empfangen, mit offenen Herzen und Armen.

 

Diese Ressource habe ich mir vorenthalten. Doch das tue ich nicht mehr. Wenn Angst kommt, heisse ich sie willkommen – und rede mit ihr. Dasselbe gilt für jedes Gefühl: Zum Beispiel Unsicherheit. Das Geschenk am anderen Ende: Die Erkenntnis, dass das Gegenüber mir wichtig ist.

 

Macht dieser Prozess «in das Gefühl hineinzugehen» jedes Gefühl angenehm? Ganz bestimmt NICHT. Aber: Vielleicht war es auch nie der Sinn, dass alle Gefühle angenehm sind. Sondern sie sind einfach wie sie sind – und wir lernen mit ihnen umzugehen.

 

 


Im Hier und Jetzt - in deiner Ganzheit - ankommen

Um den Bogen zu schliessen:

Heute interpretiere ich «Im Hier und Jetzt» sein nicht nur «Ich bin mir bewusst, wo ich bin und wann ich bin». Sondern für mich bedeutet präsent im Moment sein:

  • Ich bin ganz in meinem Körper angekommen
  • Ich bin ganz bei meinen Gefühlen angekommen
  • Ich umarme mich innerlich selbst als Mensch – weil ich mich liebe
  • Ich bin mir dabei bewusst, dass ich im aktuellen Moment mich befinde (und denke nicht an morgen oder gestern)
  • Ich bin mir bewusst, WO ich mich befinde.

 

Aber vor allem bin ich VERKÖRPERT. Das heisst: Präsent bei mir im Körper, Geist und Emotionen angekommen.